Kunstwerk des Monats August

Ernst Ludwig Kirchner, Kniende, nach links gewandter Kopf, rechte Hand auf der linken Brust, 1912

Ernst Ludwig Kirchner

* 1880 in Aschaffenburg, Deutschland, † 1938 in Frauenkirch/Davos, Schweiz


Kniende, nach links gewandter Kopf, rechte Hand auf der linken Brust, 1912


Holz (Zirbelkiefer)
21,6 x 9 x 6 cm
Hilti Art Foundation

Von den 140 nachweisbaren Skulpturen Kirchners sind heute circa 80 erhalten. Sie sind mit wenigen Ausnahmen aus Holz geschnitzt und unmittelbar aus dem Stamm herausgehauen. 40 dieser vielfach ungewöhnlich gedrehten Skulpturen, die sich nach Kirchners eigenen Worten "nicht auf die Antike zurückführen lassen", entstanden in den Berliner Jahren. Dazu zählt auch die kleine Kniende mit dem nach links gewandten Kopf von 1912.

Die kleine, durchaus hoheitsvolle Figur mit dem Blick einer Sphinx, der an ägyptische Statuetten erinnert, fordert vom Betrachter Respekt und schafft Distanz. Die ungleichen, teilweise gegeneinander verschobenen Körperpartien und die komplizierte Anordnung der Arme und Beine führen zu ganz unterschiedlichen Ansichten dieser Hockenden. Sie repräsentieren jeweils andere inhaltliche Aspekte wie Ruhe und Bewegung und resultieren aus dem Studium der Natur sowie dem "Erlebnis der Gestalten des heutigen Lebens", wie Kirchner im Rückblick schrieb, um dann in eine künstlerische Form transponiert zu werden, die Kirchner als Hieroglyphe bezeichnet.

Bei aller Nähe zum lebendigen Leben lassen sich in der Knienden, wie in vielen Werken Kirchners, zudem diverse Referenzen zur Kunstgeschichte erkennen. Sprechen die Wahl des Materials und die Haltung in der Hocke auf den ersten Blick für Einflüsse der afrikanischen Stammeskunst – Kirchners Interesse an der Skulptur aus Kamerun ist gut belegt –, so zeigen sich hier doch auch Anregungen aus der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts. Beispielhaft seien hier Delacroix' Frauen von Algier oder auch Degas' Frauen im Waschzuber oder Gauguins Hockende der Südseebilder genannt. Denn die auffällig asymmetrische Stellung der Beine ist für afrikanische Stammeskunst eher untypisch, kommt aber gelegentlich bei den genannten Malern vor, wo sie ihrerseits auf aussereuropäische Lebensformen verweist. Der Arm der Knienden jedoch, der auf der linken Brust liegt, folgt dem tradierten Gestus einer Venus pudica, einer keuschen Venus, die Brust und Scham verdeckt. Zeigen und verbergen, locken und sich schützen, sind uralte Modi der weiblichen Existenz.

Angela Schneider

<b>Ernst Ludwig Kirchner, Kniende, nach links gewandter Kopf, rechte Hand auf der linken Brust, 1912</b>
Das Kunstmuseum Liechtenstein stellt jeden Monat ein Werk aus der eigenen Sammlung in den Mittelpunkt der Betrachtung. Auch werden regelmässig Werke aus der Sammlung der Hilti Art Foundation auf diese Weise vorgestellt.