Kunstwerk des Monats November

Matts Leiderstam, Before and After, 1999

Matts Leiderstam

* 1956 in Göteborg, Schweden


Before and After, 1999


Farbfotografie, 2-teilig
je 50,8 × 41 cm

 

Die aus zwei Fotografien bestehende Arbeit zeigt die Porträts zweier junger Männer. Überraschend ist allerdings, dass es sich in beiden Fällen um dasselbe Gemälde handelt. Bernardino Licinio da Pordenone hat es in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Norditalien gemalt. Matts Leiderstam integrierte dieses Gemälde 1998 in seine Installation The Shepherds, die für eine Ausstellung in Vaduz im gleichen Jahr entstanden ist. Als er die Installation einige Jahre später für eine Ausstellung in Stockholm wieder ausleihen wollte, stellte sich heraus, dass dieses Gemälde anders aussah. Grund dafür war die Tatsache, dass es in der Zwischenzeit restauriert worden war. Dabei stellte man fest, dass es im Laufe des 18. Jahrhunderts bis auf die Augen übermalt wurde. Offensichtlich hatte der damalige Besitzer den Wunsch, den jungen Mann etwas vornehmer aussehen zu lassen. So liess er das Bild seinem Geschmack entsprechend «korrigieren». Das originale Gemälde, in der fotografischen Arbeit Leiderstams auf der rechten Seite, zeigt einen eher adoleszenten Mann mit einem noch flaumigen Oberlippenbart, buschigen Augenbrauen, tieferem Haaransatz, kantigerem Gesichtsschnitt und einem sinnlichen Mund. Dieser Gesichtstyp ist uns aus den Filmen Pier Paolo Pasolinis aus den 1960er- und 1970er-Jahren bekannt als sogenannter Ragazzo di Vita. Dies waren junge Männer, die sich als männliche Prostituierte insbesondere im homosexuellen Milieu bewegten und meist aus ärmlichen Verhältnissen stammten. Die Übermalung transformierte die sinnliche und noch ungestüme Dimension dieses Gesichtes in die auf Beherrschtheit und Ebenmässigkeit angelegten Gesichtszüge eines jungen Mannes aus «gutem Hause».

Leiderstam kombinierte nun beide Versionen des Gemäldes, weil ihn der Blick des jungen Mannes bereits in der übermalten Version besonders interessiert hatte. Dieser entspricht eher der sinnlichen «Glut» des Jungen in der Originalversion. Before and After lässt uns darüber nachdenken, was mit einem Gemälde im Laufe seines «Lebens» geschehen kann, welche Funktion es für seinen Besitzer übernimmt und welche Motivation diesen dazu veranlasst, es übermalen zu lassen. Dergestalt bietet es Einblick in Zeitgeschichte und Stilfragen.

Friedemann Malsch

<b>Matts Leiderstam, Before and After, 1999</b>
Das Kunstmuseum Liechtenstein stellt jeden Monat ein Werk aus der eigenen Sammlung in den Mittelpunkt der Betrachtung. Auch werden regelmässig Werke aus der Sammlung der Hilti Art Foundation auf diese Weise vorgestellt.