Kunstwerk des Monats Januar

Germaine Richier, Juin 40, 1940, Hilti Art Foundation

Germaine Richier

* 1902 in Grans/Arles, Frankreich, † in Montpellier, Frankreich


Juin 40, 1940


Bronze
89,9 × 38 × 28 cm
Hilti Art Foundation

 

Als im September 1939, während eines Urlaubs, den Germaine Richier mit ihrem Ehemann, dem Zürcher Bildhauer Otto Charles Bänninger, in der Schweiz verbrachte, der Zweite Weltkrieg ausbrach, beschlossen beide, sich in Zürich niederzulassen. Im Juni des folgenden Jahres wurde Paris, Richiers eigentlicher Wohnort, von der deutschen Wehrmacht besetzt. Zutiefst erschüttert, schuf sie daraufhin Juin 40, die Figur eines nackten Knaben in Bronze. Gestalterisch wirkt in dieser Plastik nach, was die Künstlerin zwischen 1920 und 1929 bei Louis-Jacques Guiges in Montpellier und bei Antoine Bourdelle in Paris gelernt hatte. Beide Bildhauer waren Schüler von Auguste Rodin – Richier somit eine «Enkelin» dieses bedeutenden französischen Meisters der modernen Plastik und Skulptur.

Dessen Ehernes Zeitalter, als Reaktion auf den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 entstanden, bietet sich zum direkten Vergleich an, obschon Rodins jungem Mann ein gänzlich nach innen gerichtetes Pathos eignet, während Richiers Knabe der Welt mit weit geöffneten Augen und klagendem Mund gegenübersteht. Seine Nacktheit verweist auf Schutz- und Hilflosigkeit, die Haltung der Arme und Hände auf Betroffenheit und Ergebung. Stand- und Spielbein (Kontrapost) erzeugen, auch dies im Unterschied zu Rodins jungem Mann, keine stabile Körperachse. Juin 40 versinnbildlicht, als allegorische Figur, das Leid des Menschen und stellt eine elementare Anklage gegen dieses durch Krieg verursachte Leid dar.

Von Beginn an steht der menschliche, vorrangig weibliche Körper im Zentrum des plastischen Schaffens von Germaine Richier. Zunehmende Ausdruckssteigerung und Deformation der Figur führen ab Mitte der 1940er-Jahre schliesslich zu jenen bizarren und für das Spätwerk der Künstlerin charakteristischen Mischwesen, die – halb Tier, halb Mensch – existenzielle Fragen nach dem Leben zwischen Natur und Zivilisation, zwischen Schicksal und Freiheit, zwischen Barbarei und Humanität aufwerfen.

Uwe Wieczorek

<b>Germaine Richier, Juin 40, 1940, Hilti Art Foundation</b>
Das Kunstmuseum Liechtenstein stellt jeden Monat ein Werk aus der eigenen Sammlung in den Mittelpunkt der Betrachtung. Auch werden regelmässig Werke aus der Sammlung der Hilti Art Foundation auf diese Weise vorgestellt.