Kunstwerk des Monats Dezember

Karl Prantl, Fünf Anrufungen, 1990

Karl Prantl

*1923 in Pöttsching, Österreich, † 2010 in Pöttsching


Fünf Anrufungen, 1990


Kanadischer Granit

300 × 57 × 110 cm
Erworben mit Mitteln des Holenia Trust, Vaduz

«Es ist anders als in Museen: die Begegnung mit so einem Stein in der Landschaft zeigt anderes Erleben: man erlebt auch den Baum, das Gras, das Moos und die Wolken.» (Karl Prantl)
In eine präzise, hochrechteckige Quaderform gehauen, ragt der Steinmonolith drei Meter in die Höhe. In einer der Breitseiten sind fünf Halbkugeln – klar eine vertikale Mittelachse setzend – eingelassen, in denen sich die Schatten des wandernden Sonnenlichts einschreiben, wohingegen sich in den rundum glatt geschliffenen und polierten Flächen die Umgebung bis hin zu den Gebirgszügen spiegelt.

Im offenen Raum finden nicht nur die Steine Karl Prantls Aufstellung; auch ein Arbeiten und Denken in Freiräumen hat der Künstler sich zum Leitprinzip gemacht. Als wegweisend für das gesamte spätere Wirken gilt der 1958 an Prantl ergangene Auftrag der burgenländischen Landesregierung, einen Grenzstein zu schaffen. Den Stein, welcher später in Nickelsdorf auf der österreichisch-ungarischen Grenze aufgestellt wurde und der in seiner formalen Durchlässigkeit nicht nur eine Trennung, sondern auch einen Übergang markiert, fertigte Prantl im seit Römerzeiten genutzten Steinbruch von St. Margarethen im Burgenland. Das Arbeiten im Steinbruch erfuhr Prantl als ein bildhauerisches Schaffen am Ursprungsort des Materials, das von gänzlich anderen Gegebenheiten und Einflüssen bestimmt wird als jenes in der Enge und Abgeschlossenheit eines Ateliers. Aus dem Wunsch heraus, an dieser Erfahrung auch andere Bildhauer teilhaben zu lassen, initiierte er das I. Symposion Europäischer Bildhauer, das 1959 elf Bildhauer aus acht Ländern zur gemeinsamen Arbeit im Steinbruch vereinte, und die Gründung von Bildhauersymposien rund um den Globus nach sich zog.

Bereits 1959 meisselte Prantl Fünf Anrufungen aus Kalksandstein, und seither hat er jene Grundform vielfach umgesetzt und variiert. Stets vergegenwärtigt dabei eine Reihe von Hohlformen ein im Christentum ebenso wie in den östlichen Religionen als Meditation praktiziertes repetitives Gebet: die Anrufung göttlicher Namen. Gerade diese religiöse Bedeutungsdimension verbindet die Skulptur mit ihrem Aufstellungsort, dem Kirchhügel von Bendern.

Franziska Hilbe

<b>Karl Prantl, Fünf Anrufungen, 1990</b>
Das Kunstmuseum Liechtenstein stellt jeden Monat ein Werk aus der eigenen Sammlung in den Mittelpunkt der Betrachtung. Auch werden regelmässig Werke aus der Sammlung der Hilti Art Foundation auf diese Weise vorgestellt.