Kunstwerk des Monats Juni

Man Ray, Portrait imaginaire d’Arcimboldo, 1953

Man Ray
* 1890 in Philadelphia, USA, † 1976 in Paris, Frankreich
Portrait imaginaire d’Arcimboldo, 1953
Öl auf Leinwand, originaler Holzrahmen
Bildgrösse: 46,5 x 32,8 cm, Rahmengrösse: 69,5 x 50 x 2,5 cm
Erworben mit Mitteln der «Stiftung Freunde des Kunstmuseum Liechtenstein»

Man Ray hat ein ungewöhnlich vielfältiges Werk hinterlassen, das nahezu alle künstlerischen Techniken umfasst. Seine Fotografien etwa gelten als Ikonen ihrer Gattung, genauso wie seine skulpturalen Objekte. Trotz seiner Nähe zu den Avantgarden seiner Zeit hielt er die Alten Meister für unanfechtbar: «Man kann es nicht besser machen als die Alten Meister, man kann nur anders sein.»

Das Porträt zeigt einen Mann im Profil. Der Farbton der Haut changiert in Grau-Tönen, die Konturen sind, gemessen an der Grösse des Kopfes, verhältnismässig stark angelegt und teilen das Gesicht in eigentümliche Segmente. Wer porträtiert worden ist, lässt sich nicht erkennen. Der Titel gibt den Hinweis: Portrait imaginaire d’Arcimboldo. Giuseppe Arcimboldo († 1593) war eine der rätselhaftesten Künstlerpersönlichkeiten des 16. Jahrhunderts. Als Künstler am Hofe der Habsburgerkaiser fertigte er zahlreiche Porträts von skurriler Anmut: ein Kürbis als Gesicht, Birnen als Nasen, Äpfel als Wangen, Blumen und Fruchtkörbe als Hüte. Seine Bilderfindungen waren gemeinsam mit den fantasievollen Figuren des Niederländers Hieronymus Bosch (1450–1516) wichtige Inspirationsquellen für den Surrealismus. 1924 verschaffte André Breton in seinem Manifest des Surrealismus für die Bildkünste und die Dichtung dem Unterbewussten, Unwirklichen und Über-Realen eine theoretische Grundlage. Man Ray, der zu dieser Zeit schon in Paris lebte, gehörte neben Max Ernst zu den bekanntesten Mitgliedern dieser Gruppe. Sein Porträt ist eine Hommage an Arcimboldo, den Alten Meister.

Darüberhinaus setzt sich Man Ray auf seine Weise mit dessen Werk auseinander. Farblich gleicht er das Gewand an den von ihm gestalteten Rahmen an. Auch greifen die Farbtupfer die Struktur der Hartfaserplatte auf. Die Bedeutung, die die gemalten Materialien bei Arcimboldo haben, wird in dieser Gegenüberstellung vorgeführt. Man Rays künstlerische Haltung wird deutlich, wenn er von der Malerei spricht: «Ich male, was nicht fotografiert werden kann [...]. Bei einem Traum etwa oder einem Impuls aus dem Unbewussten muss ich mich der Zeichnung oder der Malerei bedienen.»

Robin Hemmer
<b>Man Ray, Portrait imaginaire d’Arcimboldo, 1953</b>
Das Kunstmuseum Liechtenstein stellt jeden Monat ein Werk aus der eigenen Sammlung in den Mittelpunkt der Betrachtung. Auch werden regelmässig Werke aus der Sammlung der Hilti Art Foundation auf diese Weise vorgestellt.